Afshin Ghotbi (Foto) gilt als innovativer, aber auch weitgereister Trainer. In sieben verschiedenen Ländern arbeitete der 54-Jährige bereits. Ob Südkorea, Japan oder der Iran: Überall konnte er Spuren hinterlassen. Seine Arbeit war auch einigen deutschen Vereinen aufgefallen, mehrfach stand er kurz davor, nach Deutschland zu wechseln.

Dass Ghotbi ein besonderer Trainer sein muss, konnte man an der Reaktion der Fans und Spieler des chinesischen Zweitligisten Shijiazhuang Ever Bright sehen. Nach seinem Abschied Anfang September standen sie teils mit Tränen in den Augen Spalier und verabschiedeten ihren Coach.

„Ich bevorzuge Fans, die jubeln, glücklich sind und nicht weinen. Im Ernst, ich verbinde mit dem Fußball eine sehr tiefe Leidenschaft und versuche sie mit in meinen Job zu nehmen. Ich glaube, dass ich bei den Spielern und Fans einen Anklang dafür finde“, erklärt der gebürtige Iraner, der in den USA aufgewachsen ist und dort auch aufgrund seiner Herkunft mehr Arbeit und Zeit investieren musste als andere. „Ich bin stolz auf meine Herkunft, meine Geschichte und meine Vergangenheit. Sie hat mir geholfen, ein vielfältiges kulturelles Verständnis und Toleranz zu entwickeln. Mit einem nicht-traditionellen Fußball-Hintergrund musste ich mich jeden Tag beweisen und konnte mich zu einem besseren Menschen und Trainer entwickeln“, so Ghotbi.

 

Dass der Fußball Menschen verbinden kann, war auch der Grund für ihn, eine internationale Trainerkarriere anzustreben. „Fußball ist ein internationales Spiel und ich war schon immer ein weltoffener Bürger. Im Ausland zu arbeiten und in verschiedenen Teilen der Welt zu leben, hat mich immer fasziniert. Ich habe in meiner Karriere in sieben Ländern gearbeitet, weil ich die sportlichen, sozialen und kulturellen Herausforderungen mag. Jedes Land bietet unterschiedliche Herausforderungen und Wachstumschancen. Fußball verbindet und durch meine Arbeit konnte ich Menschen inspirieren, ausbilden und glücklich machen. Ich habe das Glück, diese Plattform zu haben“, so der 54-Jährige, der sich nichts anderes vorstellen konnte als Trainer zu werden.

© imago / Afshin Ghotbi, Trainer von Shimizu S-Pulse, mit Freddie Ljungberg

„Ich habe Fußball gespielt, seit ich laufen konnte und es hat mir immer Spaß gemacht, den Leuten zu sagen, was sie tun sollen. Ich fand meine Berufung schon früh im Leben, als ich meine Karriere als Trainer mit Jugendlichen begann. Später im professionellen und internationalen Fußball erkannte ich, dass meine Arbeit nicht nur sportliche, sondern auch soziale, kulturelle und wirtschaftliche Auswirkungen haben kann. Die Vereinigung von Gemeinschaften und Nationen, das Erhöhen des Vertrauens und des Nationalstolzes auf ein ganzes Land, das Anregen von Kreativität und das Bewusstsein für soziale Fragen sind nur einige meiner Früchte“, so Ghotbi.

Bereits zum Anfang seiner Karriere hatte er sich dem asiatischen Kontinent verschrieben. Zunächst arbeitete er als Chefanalytiker für den südkoreanischen Verband unter Cheftrainer Guus Hiddink, um dann, unter Dick Advocaat, Co-Trainer der Nationalmannschaft zu werden. Im weiteren Verlauf der Karriere hinterließ er u.a. in seiner dreijährigen Amtszeit beim japanischen Erstligisten Shimizu S-Pulse Spuren.

Den vermeintlich größten Erfolg feierte er aber in seinem Heimatland, dem Iran. Mit dem Persepolis FC feierte er 2008 den Gewinn der Meisterschaft, wurde Trainer des Jahres, um dann die iranische Nationalmannschaft zu übernehmen. Ghotbi sieht dies aber nicht ganz so: „Es ist schwierig zu sagen, das war mein größter Erfolg oder das war mein größter Erfolg. Ich hatte auf allen Ebenen und auf unterschiedliche Arten Erfolg. In der Jugend wichtige Spiele zu gewinnen, ist genauso großartig wie auf internationaler Ebene Erfolge zu feiern oder internationale Spieler zu entwickeln. Alles macht großen Spaß. Aber wahrscheinlich sind die offensichtlichsten Dinge die wichtigsten in meiner Karriere gewesen, wie WM-Vierter mit Südkorea bei der Weltmeisterschaft 2002 zu werden, mit LA Galaxy die Meisterschaft und den Pokal zu gewinnen und natürlich der Erfolg mit Persepolis im Iran“, bilanziert der Weltenbummler. 

Dass Ghotbi im internationalen Fußball einen guten Ruf genießt, liegt nicht nur an seiner ruhigen und besonnenen Art, sondern auch an seiner Trainingsweise: „Ich glaube, das Spiel selbst ist der beste Lehrer. Deshalb habe ich Übungen entwickelt, bei denen alle Komponenten des Spiels zum Einsatz kommen. Funktionell, dynamisch und explosiv sind einige Worte, die meine Methodik beschreiben können. Für mich ist es wichtig, die Spieler herauszufordern. Sie sollen Entscheidungen unter Druck treffen und gleichzeitig technisches und taktisches Tempo präzise ausführen. Zudem ist wichtig, die Spieler gemeinsam aber auch individuell zu entwickeln. Wir leben in einer Zeit, wo es von digitalen Entwicklungen nur so wimmelt. Deshalb nutze ich Drohnen und Kameras, um die besten Bilder vom Training zu erhalten, analysieren und daraus die physische Belastung zu überwachen.“

Ghotbi hat derweil auch eine klare Einschätzung von sich selbst: „Ich bezeichne mich als einen sympathischen, leidenschaftlichen und aufgeschlossenen Trainer. Fußball ist meine Religion, der Verein ist mein Zuhause und Spieler sind meine Familie. Es gibt keinen perfekten Trainer, aber die Perfektion fordert uns heraus, jeden Tag besser zu werden. Neue Ideen sind überall um uns herum. Wir können von allen lernen, der Schlüssel ist, ein offenes Herz und einen offenen Geist zu haben.“

Auch Deutschland wäre fast in seiner Vita gelandet. Mit Fortuna Düsseldorf, Hannover 96 und Preußen Münster stand er in Verhandlungen, doch auf der Zielgerade sagten die Vereine ab. „Ich war sehr enttäuscht, dass es nicht geklappt hat. Aber ich glaube, es hat mehr damit zu tun, dass ich kein Deutscher bin als mit meiner Qualität als Trainer. Ich habe mich schon mein ganzes Leben für den deutschen Fußball interessiert. Als kleiner Junge blieb ich spät abends auf, um Bundesligaspiele live zu sehen. Als Zehnjähriger war ich während der Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland. Es ist einer meiner Lebensträume, im deutschen Fußball arbeiten zu können“, betont der 54-Jährige.

 

Die fehlende deutsche Sprache möchte Ghotbi nicht als Absagegrund stehen lassen. „Wenn mir ein Profiverein in Deutschland die Chance gibt, nehme ich sofort Privatunterricht und werde in Zukunft auch versuchen Interviews auf Deutsch zu halten. Insgesamt könnten ausländische Trainer die Liga deutlich bereichern, die Premier League in England macht es doch vor“, sagt der Iraner abschließend.

 

 

Von Henrik Stadnischenko

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